Haaren oder nicht haaren; Scheren oder nicht scheren
Von Marianne Mellgren
Der Haarwuchs ist charakteristisch für Säugetiere. Das Haar erfüllt wichtige Funktionen. Es schützt vor Kälte und Wärme und stellt eine Barriere gegen Wasser und andere chemische oder physikalische Stoffe dar. Es schützt vor Mikroorganismen wie Bakterien und Pilzen. Es hat auch eine Sensorfunktion, d.h., es kann Berührungen wahrnehmen. Die Schnurrhaare sind dafür ein klassisches Beispiel.
Der Aufbau des Haarbalgs unterscheidet sich zwischen den Tierarten. Die meisten Studien wurden an Menschen und Mäusen durchgeführt; sie haben einen einfachen Haarbalg, d.h., es gibt nur ein Haar in jedem Haarbalg (zusammen mit Schweiß- und Talgdrüsen). Dasselbe gilt für Pferde, Rinder und Schafe.
Hunde und Katzen haben, wie die meisten Raubtiere, einen zusammengesetzten Haarbalg, der mehrere Haare enthält. Oftmals sind sie in Dreiergruppen angeordnet. In Richtung Kopf sitzt das größte Haar, nach hinten hin wird der Durchmesser kleiner. Zwischen den Haarbälgen befinden sich kleine Muskeln, die arrector pili, die das Haar aufrichten können. So kann die Wärme besser gehalten werden. Die Wärmeisolierung wird verbessert, wenn das Tier viele lange und schmale Haare hat, die aufgerichtet werden können.
In Bezug auf Stärke, Länge und Krümmung der Haare ist die Rassenvariation groß. Die klassische Variante wie bei Wolf, Siberian Husky oder Schäferhund hat viele Haare pro Haarbalg, nämlich 47 Stück, mit einem Durchmesser von 28 Mikrometern (μm) und einer Kurvatur (Krümmung) von durchschnittlich 30 Grad (Abb. 1). Sie haben kräftige Primärhaare (Deckhaar) mit einer Menge feinerem Sekundärhaar (Wollhaar). Zum Vergleich: Labrador - 31 Stück pro Haarbalg, 39 μm Duchmesser und 18 Grad Kurvatur und Zwergpudel - 28 Haare, 17 μm Durchmesser und 40 Grad Kurvatur. Bei Rassen wie dem Pudel haben also alle Haare eine ähnliche Größe, ohne Unterscheidung von Deck- und Wollhaar.
Der Ausdruck, dass der Welpe seinen Welpenpelz verliert, ist eigentlich falsch. Im Alter von 12-16 Wochen entwickelt sich der Erwachsenenpelz. Der Hund wird mit einer gewissen Anzahl von Haarbälgen geboren, die heranwachsen und dabei mehr Haare pro Haarbalg bekommen. Die Haare werden außerdem kräftiger und mehr gekrümmt (siehe oben, unter Kurvatur). Es handelt sich aber um dasselbe Haar!
Das Haar wächst in Zyklen, die in die folgenden Phasen eingeteilt werden können:
Anagenphase = aktive Phase, das Haar wächst.
Katagenphase = Übergangsphase, das Haar wächst nicht mehr.
Telogenphase = Endphase in völliger Ruhe, ein neues Haar bildet sich unter dem Alten, das noch weiter oben festsitzt. Unterschiedliche Varianten, manche Haare lösen sich leichter, andere sitzen fester.
Exogenphase = das alte Haar fällt aus, das Tier haart.
Beim Menschen sind die Haarbälge größtenteils in der aktiven, anagenen Phase, d.h., das Haar wächst. Ein Haar hat eine Lebensdauer von etwa 3-4 Jahren. In der Zeit reicht das Haar ungefähr bis auf die Schultern. Darauf folgt ein schneller Übergang zur telogenen Phase, dann verlieren wir das Haar.
Bei den meisten Säugetieren sind Anagen- und Katagenphase sehr kurz, d.h., sie befinden sich größenteils in der telogenen Ruhephase. In der freien Natur ist das notwendig, da das Haar aus Proteinen und Fett besteht, also wichtigen Ressourcen, die anderswo im Organismus mehr gebraucht werden, als für neues Haar. Deshalb ist ein Scheren nur bei wenigen Säugetieren erforderlich. Das Haaren ist also ein Luxus, den sich das Tier nur erlauben kann, wenn es über genügend Fett- und Proteinreserven verfügt. Hunderassen natürlicher Arten, wie Polarhunde oder Wölfe, können in der Heilungsphase von großen Wunden schnell von der Telogenphase zur Anagenphase übergehen. Nach Operationen konnte schon 10 Tage nach dem Fädenziehen neuer Haarwuchs auf den rasierten Stellen beobachtet werden. Der Prozess steht jedoch nicht im Zusammenhang mit der Rasur, sondern mit der „Verletzung“.
Allerdings bestehen auch hier Rassenvariationen. Studien haben gezeigt, dass sich Malamuthunde und Beagle zu 59% in der Telogenphase befinden, beim Pudel hingegen sind 98% der Haare in der Anagenphase, also im Zuwachs. Beim Menschen sind 85% in der Zuwachsphase.
- Die Intervalle für das Haaren variieren. Man unterschiedet drei Hauptgruppen:
Kein oder nur minimales Haaren (Hunde mit dominierender Anagenphase), z.B. Pudel oder Old English Sheepdog.
- Ständiges Haaren (meistens Telogenphase, Haare fallen aus), wie beim Labrador.
- Saisonbedingtes Haaren (dominante Telogenphase, bei der die Haare im Haarbalg verbleiben), z.B. Malamuthund und Siberian Husky.
Abweichungen sind jedoch möglich; Labradore können auch eher saisonbedingt haaren, auch Pudel können Haare verlieren und die nordischen Rassen können das ganze Jahr über haaren.
Der Haarzyklus wird von vielen Faktoren beeinflusst, wie Hormonhaushalt, Tageslänge, Temperatur, Ernährung, Stress und genetischen Faktoren. Ein Schneiden hat jedoch weder beim Tier noch beim Menschen Einfluss auf das Wachstum. Individuen mit einem dominanten aktiven anagenen Haarzyklus haben jedoch sehr lange Haare.
Marianne Mellgren, Tierärztin, Spezialistin für Hunde- und Katzenkrankheiten sowie für Dermatologie von Hund und Katze, Falu Tierklinik, Samuelsdalsv 2 B, Falun (Schweden)
Quellennachweis:
Proceedings vom Nordamerikanischen Dermatologiekongress, NASVD, USA 2009, R.W. Dunstan, S. 3-7
Proceedings vom 22. Europäischen Dermatologiekongress, 2007, Mainz/Germany, Desmon J. Tobin, S. 1-9
Muller & Kirks, 1995, Small Animal Dermatology, 5th edition, S. 4-8