Welpentests und Wahl des Welpen

von Erik Wilsson


Sich einen Hund anzuschaffen ist immer auch eine Wahlsituation: zunächst muss entschieden werden, welche Rasse in Frage kommt, dann müssen geeignete Eltern gewählt werden, d.h. aus welchem Zwinger und von welchem Züchter man sich den Hund holt. Letztendlich stellt sich noch die Frage, welcher Welpe aus dem Wurf ausgewählt wird. Ist es dabei überhaupt möglich, aus dem Verhalten eines sieben bis acht Wochen alten Welpen Schlussfolgerungen über den erwachsenen Hund zu ziehen? Viele Züchter sind davon überzeugt, und meinen, dass die Unterschiede bis ins Erwachsenenalter bestehen bleiben. ERIK WILSON untersucht hier die Frage, ob eine solche Auffassung gerechtfertigt ist.

Schon frühzeitig die Persönlichkeit oder Mentalität eines Hundes einschätzen zu können, ist mit vielen Vorteilen verbunden. So könnte der Züchter Welpen und Welpenkäufer optimal aufeinander abstimmen. Ein vorsichtiger zurückhaltender Welpe wäre dann ideal für Welpenkäufer, die sich einen eher toughen Welpen nicht zutrauen würden, dieser passt besser zu einem erfahrenen Welpenkäufer. Beim Züchten von Arbeitshunden könnten so schon frühzeitig die Welpen aussortiert werden, die schlechtere Voraussetzungen für Arbeit haben. Sie könnten stattdessen im Alter von acht Wochen verschenkt werden und als Gesellschaftshund ein neues Zuhause finden. Ein solches Aussortieren ungeeigneter Hunde wäre mit enormen Kostenersparnissen verbunden. Viele Züchter treffen sicherlich schon eine solche Entscheidung, nur fehlen die Ergebnisse, ob diese auch richtig war, dies im Nachhinein nicht getestet werden kann.

 

Welpentests weit verbreitet

In den USA verwenden Züchter seit Jahrzehnten den „Campbells Puppytest“, um die Persönlichkeit eines Welpen zu beurteilen. Auswertungen haben jedoch keinen Zusammenhang zwischen den Tests und dem Verhalten des erwachsenen Hundes zeigen können.
Es wurden auch Tests für die Diensttauglichkeit von Hunden durchgeführt. In den USA und Australien wurden Welpen auf ihre Fähigkeit gestestet, als Blindenführhunde zu arbeiten. Der sog. Pfaffenbergs Test deutet auf einen Zusammenhang zwischen Test- und Dressurergebnissen, allerdings wurden dabei die Testergebnisse zur Ausformung der Dressur verwendet. Darum kann nicht ausgeschlossen werden, dass bestimmte Welpen besonders behandelt wurden und sich deshalb auch anders entwickelt haben. In der australischen Führhundeausbildung wurden die Hunde regelmäßig von sieben Wochen an bis zum Alter von einem Jahr getestet. Die Ergebnisse zeigten eindeutig, dass Tests vor dem Alter von sechs Monaten wertlos sind. Erst danach können wertvolle Informationen gewonnen werden, insbesondere bei der Einschätzung der Ängste beim Hund. An der staatlichen Hundeschule in Sollefteå (Schweden) wurden zwischen Ende der 70er Jahre bis zu Anfang der 80er Jahre über 110 Schäferhundwelpen im Alter von acht Wochen getestet. Der Test wurde zweckspezifisch entwickelt, der Großteil des Inhalts kommt jedoch auch in anderen Tests vor. Die Mehrzahl der Welpen (867 Welpen) wurden danach im Alter von 15-18 Monaten einem vollständigen Mentaltest unterzogen. 
Die Ergebnisse zeigten große Unterschiede im Verhalten der Welpen, und darüber hinaus auch, dass das Verhalten bereits im Alter von acht Wochen von der Umgebung beeinflusst wurde. U.a. bestand ein Zusammenhang zwischen dem Gewicht der Welpen (große Welpen sind aktiver und selbstständiger) und darin, wie die Hündin die Welpen behandelt hat. Es hat sich auch gezeigt, dass weibliche Welpen aktiver sind, als männliche. Die Wurfgröße hatte dagegen kaum einen Effekt auf die Testergebnisse – ein etwas erstaunliches Resultat, wenn man bedenkt, wie unterschiedlich es für den Welpen sein muss, z.B. ohne Geschwister oder mit zehn anderen Wurfgeschwistern aufzuwachsen.
Als die Hunde erwachsen wurden, verschwanden jedoch die Einflüsse des frühen Umfelds. Es konnte auch kein Zusammenhang zwischen Welpentest und Mentaltestergebnissen festgestellt werden. Hätte auch nur die kleinste Möglichkeit bestanden, die Mentalität des erwachsenen Hundes vorherzusagen, hätte sich dieses zweifelsohne in einem so umfangreichen Material gezeigt.
Während der Jahre, in denen die Tests stattfanden, kam es zu einem Futterwechsel. Diese Tatsache spiegelte sich nicht nur in den Welpentestresultaten wider, sondern beeinflusste auch die Testergebnisse im Erwachsenenalter. Daraus kann geschlussfolgert werden, dass die Qualität des Futters, welches die Welpen (und die Hündin) erhalten, nicht nur das Verhalten des Welpen beeinflussen, sondern auch das des erwachsenen Hundes.
Die einzige Studie, die einen Zusammenhang zwischen Welpen- und Erwachsenenverhalten herausgefunden hat, wurde von südafrikanischen Polizisten durchgeführt, die Welpen und Junghunde zwischen dem Alter von acht Wochen und neun Monaten regelmäßig testen. In der Studie wurde ein Zusammenhang zwischen der Neigung des Welpen zu apportieren und dessen Voraussetzungen, sich zu einem guten Polizeihund zu entwickeln, untersucht. Es kann jedoch nicht ausgeschlossen werden, dass die Behandlung der Hunde, während sie heranwuchsen, ihr späteres Training beeinflusst hat – was in dem Falle den Zusammenhang erklären würde.

 

Eigenschaften müssen heranreifen

Bis jetzt deuten alle Resultate darauf hin, dass ein Verhalten des erwachsenen Hundes im Alter von acht Wochen nicht vorausgesagt werden kann. Die Ursache liegt wahrscheinlich darin, dass das Verhalten, welches für uns beim erwachsenen Hund von Interesse ist, bei einem acht Wochen alten Welpen noch nicht herangereift ist. Es gibt Charakterunterschiede bei Welpen, aber diese Unterschiede betreffen das Verhalten des Welpen, was später stufenweise in das Verhalten des erwachsenen Hundes übergeht. Mit anderen Worten, genauso wie die Milchzähne ausfallen und durch die bleibenden Zähne ersetzt werden, ersetzt das Verhalten des erwachsenen Hundes das des Welpen. 
Ein Welpentest wäre ungefähr dasselbe als ginge man in eine Vorschulklasse, um festzustellen, welches der Kinder am besten geeignet ist, um Klempner, Arzt oder Führungskraft zu werden. Die Eigenschaften, die uns interessieren, müssen sich erst entwickeln können, bevor wir sie testen können. Der größte Welpe im Wurf muss nicht mehr der größte Hund sein, wenn der Wurf zwei Jahre alt ist, und das Fortpflanzungsvermögen kann nicht beurteilt werden, bevor der Hund die Geschlechtsreife erreicht hat. 

 

Den richtigen Welpen auswählen

Es kann jedoch nicht ausgeschlossen werden, dass die Wahl des Welpen eine gewisse psychologische Wirkung auf den Welpenkäufer hart. Wer auf der Suche nach einem etwas frechen und selbstbewussten Hund ist, hat die Möglichkeit, einen solchen Welpen zu wählen und ist damit der Überzeugung, den für sich richtigen Hund erworben zu haben. Damit ist man als Hundebesitzer auch eher geneigt, den Welpen korrekt zu stimulieren und zu ermuntern. Ein Welpenkäufer mit denselben Präferenzen, der jedoch den vorsichtigsten Welpen nehmen musste, da alle anderen bereits verkauft waren, fährt vielleicht eher enttäuscht nach Hause. Vor diesem Hintergrund besteht das Risiko, dass der Welpenkäufer unbewusst die unerwünschten Charakterzüge verstärkt.

 

Veranlagung und Umwelt im Zusammenspiel

Eine andere mögliche Erklärung dafür, dass es schwierig ist, schon frühzeitig die Persönlichkeit des Hundes zu beurteilen besteht darin, dass viele der grundlegenden Persönlichkeitseigenschaften beim erwachsenen Hund davon beeinflusst werden, wie er während des Heranwachsens behandelt wurde. Darüber hinaus wissen wir auch, dass die grundlegendsten Eigenschaften erblich bedingt sind. Nahezu sämtliche wissenschaftlichen Studien zeigen, dass die Heritabilität (der Teil der Unterschiede, der durch erbliche Faktoren erklärt werden kann) bei den grundlegenden Persönlichkeitseigenschaften ungefähr 25% beträgt. Berücksichtigt man, wie schwer es sein kann, solche Eigenschaften objektiv zu beurteilen, muss dieses als hoch betrachtet werden. Man kann mit anderen Worten sagen, dass es viel wichtiger ist, die richtigen Eltern für seinen Welpen zu wählen, als den „richtigen“ Welpen aus einem Wurf auszuwählen.
Erik Wilsson

Dr. phil. ERIK WILSSON ist Zoologe und hat zum Thema des frühen Umwelteinflusses auf das Verhalten des Hundes promoviert. Er war viele Jahre als Ausbildungsleiter an der Staatlichen Hundeschule in Sollefteå tätig und hat dort Diensthundeführer, Hundebesitzer und Ausbilder unterrichtet. Er hatte außerdem eine leitende Funktion im Schwedischen Jägerverband. Erik Wilsson hat mehrere Bücher zum Thema Verhalten des Hundes, Hundedressur und Jagd veröffentlicht und arbeitet seit 2006 als Zuchtverantwortlicher in der Militärzuchtstation in Sollefteå.